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Mehr Power, mehr Biss

Während die Konkurrenz jeden erdenklichen Kubikzentimeter Hubraum einspart, gönnt VW dem Polo GTI gleich ein Pfiff mehr. Ob das eine gute Entscheidung war, lesen Sie hier.

Wie jeder Test eines GTI kommt auch dieser nicht ohne einen Retroschwenk in Richtung des Ur-GTI aus. Der Uropa und (Mit-) Begründer der Klasse der flotten Kompakten gilt seit mittlerweile Jahrzehnten als Vorlage des modernen Hot-Hatches. In der aktuellen, siebenten Auflage hat sich der Charakter des Golf aber etwas verwaschen. Waren es in den Siebzigern noch etwa Dreimeterziebzig, die von einem 110 PS-Motor überdurchschnittlich unterhaltsam bewegt wurden, zerrt der Größenwahn der letzten 42 Jahre am quirligen Wesen: 4.255 Millimeter misst der Golf GTI im Jahre 2018. In Zeiten des Großstadtdschungels und der Parkplatzsuche greifen wir gerne zum kleineren Bruder, dem Polo. Der ist zwar auch nicht so kompakt wie der Uropa, mit aber immer noch 20 Zentimeter kürzer als der Golf. Leichter ist er übrigens nicht wirklich – trotz kurzem Radstand. Aber der Zweiliter-Turbo ist im Grunde derselbe wie der des großen Bruders. 200 PS und 320 Nm wuchtet der Benziner auf die Kurbelwelle, verwaltet wird die Kraft von einem Doppelkupplungsgetriebe.

Nur so als Randnotiz: Auch der Vorgänger mit dem 1.8-Liter-Motor leistete eigentlich 320 Nm, das damals verbaute DSG vertrug aber nur 250 Nm, also wurde der Motor ordentlich kastriert. Im Hier und Jetzt ist alles größer dimensioniert. Der Motor, das Getriebe und auch der Polo selbst. Das merken vor allem die Insaßen. Wie seine zivilen Brüder fühlt sich auch die Sportversion unfassbar erwachsen an. Hier kann niemand über Platzprobleme klagen, weder Gepäckstücke im recht großen Kofferraum, noch Passagiere in der zweiten Reihe. Am besten sitzt es sich allerdings in Reihe eins. Dort bietet der Polo eine sehr gute Sitzposition auf bequemen Gestühl mit ordentlich Seitenhalt und Golf 1-Gedenkstätte in Form des Clarke-Karomusters. Man tut sich schwer, im Polo GTI zu raunzen. Die Materialqualität ist überdurchschnittlich, die Verarbeitung auch. Nur bei der Verkleidung der Türe wurde etwas gespart, die fühlt sich nämlich wie die Playmobil-Ritterburg an. Wiederum einwandfrei sind die digitalen Anzeigen. Natürlich, schöne Rundinstrumente, am besten noch weiß hinterlegt, lassen Sportfahrer himmelhoch jauchzen, aber das ist eben ein Kleinwagen und Retro hat der durch die Sitze eh schon genug. Ausserdem hat der Bildschirm hinter dem mit schönen Ziernähten versehenen Lenkrad aufgrund seiner Wandlungsfähigkeit viele Vorteile. Den Aufpreis ist er auf jeden Fall wert.

Ein Druck auf den Startknopf lässt den Vierzylinder zum Leben erwachen und siehe da, für einen Musterschüler, den die VW-Derivate ja sonst immer spielen, klingt der mittlere GTI ziemlich zornig. Das passt perfekt zum sportlichen Charakter, der den der Vorgänger eindeutig verblassen lässt. So viel Sportsgeist hätten wir dem Polo gar nicht zugetraut. Er kann zwar auch leise, gemütlich und durchaus langstreckenorientiert fahren, aber dafür reicht auch jeder andere Polo. Der GTI lenkt zackig ein, untersteuert wenig und bleibt lange neutral. Übersteuern kann man, wenn überhaupt, nur mit der manuellen Handbremse provozieren. Apropos manuell, der Polo mit den legendären drei Buchstaben und Handschaltung kommt noch im Laufe des Jahres. Das verbaute DSG-Getriebe schaltet zwar flott und ist vor allem sehr bequem, sportlich ambitioniertere Piloten wird das Schaltgetriebe aber vermutlich eher zusagen. Ausserdem wird es den Wolfsburger leichter und billiger machen. Da wären wir auch schon beim Kostenkapitel. Ein Grundpreis von knapp 24.500,- Euro ist kein Pappenstiel für einen Kleinwagen, auch nicht für einen mit 200 PS. Dabei ist die Aufpreisliste relativ lang. Sogar eigentliche Basics, wie elektrisch anklappbare Außenspiegel und Rückfahrkamera kosten extra, das coole Flash-Rot gibt’s allerdings gratis.

Aber es gibt viele Autos, bei denen man für weniger Fahrspaß mehr bezahlt. Außerdem ist man mit dem Polo GTI der Grundidee, ein alltagstaugliches Auto mit ordentlicher Leistung und viel Fahrspaß zu einem vertretbaren Kaufpreis zu erstehen, um einiges näher als beim aktuellen Golf GTI.

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