Tagebuch

von Willy Konecny

21. Dezember 2010

Sony's GT5 - Lust und Frust

Man merkt GT5 die lange Entwicklungszeit an - positiv und negativ. Alles sieht grandios aus - Autos, Strecken, jedes Detail. Die Aktualität hat aber gelitten - so muss man zum Beispiel mit einem Golf V Vorlieb nehmen.

Herr Chef: "Das Spielerherz lacht! Es sind schon einige Jährchen vergangen, aber jetzt endlich lädt Sony zum Spiel-Happening des Auto-Simulator-Krachers Gran Turismo. Die Japaner rund um Polyphony haben entwickelt und getüftelt wie die Verrückten, die Detailgetreue ähnelt dem Fanatismus eines Besessenen und das Fahrgefühl soll so realistisch wie niemals zuvor sein. Erwartungen, denen wir liebend gerne begegnen und so pilgern wir Montag vormittags ins Hauptquartier von Sony im Süden Wiens. Selten haben Herr Willy und ich derart viel Vorfreude verspürt. Ich selbst habe Generation drei und vier durchgespielt und bin überhaupt erstmals mit der zweiten Gran Turismo Generation auf Tuchfühlung gegangen – das ist aber schon deutlich vor dem Millenniumwechsel der Fall gewesen.
Bei Sony angekommen, bekommen wir vorerst die Details im Rahmen einer nicht enden wollenden Buchstaben-Suppe spendiert. „Weiß ich, kenn ich, natürlich, is eh logisch, ja ja...“, die Geduld spielte Ping Pong mit mir. Und dann, endlich! Ich streifte mir die 3D-Brille über, klemmte mich hinters Sportlenkrad in den Recaro-Sitz und scrollte durchs Menü nach einem fahrbaren Untersatz. Allrad, Turbo und japanischer Bauart – mehr sollte nicht erwähnt werden. Die Grafik ist Wahnsinn, wie echt, allerdings eingefangen im Inneren einen Flatscreens. Und die Fahrzeuge wirken derart realistisch, dass es beinahe schon unheimlich ist. Das Fahrverhalten fordert, verlangt Feingefühl und eine harmonische Komposition von Brems- und Gaspedal. Mit jeder Runde verfalle ich dem Virus GT5 mehr und mir fällt es schwer mich wieder loszureißen. Die Sony-Mannschaft lockt mich vom Simulator mit einer Testrunde mit dem Red Bull-Geschoß – das extra für GT5 digital entwickelt wurde. Knapp 400 km/h auf einer eigentlich kurzen Geraden?!? Hammer... Jeder, der das Spiel sein Eignen nennt, und unzählige Stunden investiert, kann sich freuen auf den Tiefflieger. Herr Willy versucht es mit Öko-Gewissen und hurtet mit einem Tesla Roadster surrend wie ein Staubsauger um einen Rundkurs. So fein dieses Fahrzeug auch von der Motorpresse und der Prominenz empfangen wurde, bei GT5 hält sich der Elektro-Roadster in Sachen Fahrspaß bedeckt. Als Abschluss bekommen wir noch eine Promo-Version von Gran Turismo 5 in die Hand gedrückt und flitzen wieder Richtung Redaktion...."

...habe dem Chef vom Dienst, von mir kurz Herr Chef genannt, bei Sony den Vorzug gelassen. Muss zugeben, meine Runden mit dem Elektrorenner waren nicht von Erfolg geprägt. Der 3D-Effekt ist cool, das Spielen mit Lenkrad und Pedalen ist für mich ungewohnt. Hantiere ich doch sonst immer mit dem Controller herum. Somit freue ich mich auf den Feierabend und packe das GT5 schonmal in den Rucksack.
Dem allabendlichem Verkehrswahnsinn endlich entronnen, kümmere ich mich zuhause zuerst noch ein wenig um mein leibliches Wohl und den Haushalt. Es ist schon 22 Uhr als ich die Disc in die PS3 schiebe. Schnell noch ein paar Runden drehen, ist meine Intension. Daraus wird aber nichts. Zuerst ist ein Update der Konsolenfirmware fällig, dann ein Update der Spielesoftware und dann schlägt mir ein Pop-Up-Fenster vor, ein paar Daten auf der PS3-Festplatte zu speichern, damit beim Spielen dann das Laden schneller geht. 20 Minuten werden eingeplant. Gut, meinetwegen, ich hasse es sowieso im Spielfluss von ewig wirkenden Ladezeiten ausgebremst zu werden. Am Ende dauert die ganze Sache aber über zwei Stunden. Es ist nach Mitternacht und ich gehe frustriert, ohne eine Sekunde gespielt zu haben, ins Bett.
Nach einem Wochenende mit Gran Turismo: Mein Verhältnis zu GT5 ist zwiegespalten. Mich fasziniert das Fahrgefühl, die Grafik, die Details, der Spielumfang und viele weitere Punkte, aber genauso viele Sachen stören mich auch. Trotz der Teilinstallation auf der Festplatte nerven mich die Ladezeiten, der Schwierigkeitsgrad ist happig, dazu kommen die Serverprobleme, die Hänger und die teilweise sehr langen „Nachdenkphasen“ wenn ich zwischen den Menüs wechsle.
Mit GT5 muss man sich beschäftigen, man muss sich Zeit nehmen, man muss sich darauf einlassen. Schnell aufdrehen, zwei Runden zocken und Ende – spielt es nicht. Und genau dort liegt wahrscheinlich der „Zauber“ von GT5. Das fasziniert einerseits, frustet aber auf der anderen Seite. Jeder muss hier wohl für sich selber entscheiden, ob er GT5 eine Chance gibt, oder gleich Abstand nimmt. Schließlich will man von einem Game unterhalten und auch gefordert werden, aber nicht gefrustet.

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