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Tagebuch

von Maximilian Bassler

10. September 2010

Rainer Behounek

Rainer Behounek: Zu Besuch bei Reiter Engineering

Auf Tuchfühlung mit den Renn-Lamborghinis

„Grüß euch! Hinten ist der Lamborghiniraum, da gibt’s Kaffee und Weißwurst. Macht es euch gemütlich und danach starten wir.“ Hans Reiter war gut gelaunt. Ich auch, fängt ein Tag so verrückt an, muss er einfach bombastisch werden. Lamborghiniraum mit Weißwurst um 9 Uhr früh, Jackpot. Hans Reiter, ein Mann in meiner Größe, oder besser Kleine, hat wenig Bauch und noch weniger Haare, lächelt oft und ist Bayer. Was ihm zu einem grenzgenialen Kerl und Teamchef macht. Herr Reiter ist das Oberhaupt des Reiter Engineering Teams, das in zig Klassen der FIA um die Titel kämpft. Und gut kämpft, ist doch der exklusive Untersatz, den das Reiter Team für die Rennstrecke scharf macht, niemand geringerer als Lamborghini.

Diablos, Gallardos, Murcielagos, seit dem Jahr 2000 schon nimmt das Team italienische Bullen, brennt ihnen das bayrische Zeichen ein, haut ihnen mächtig eine um die Ohren und stellt sie dann, stocksauer, auf den Rennasphalt.

„Peter Kox. Rainer Behounek. Schnapp ihn und zeig ihm unseren Murcielago 670 R-S“ Nach einem ausgiebigen Gespräch über seine Führung bei der GT3 und den fabelhaften Plätzen bei der neuen Königsklasse, der GT1, zog sich der 46-jährige Rennfahrer den Overall an und mir zog es die Hosen aus. 1230 Kilogramm, 600 PS, 126 Dezibel, null elektronische Hilfen, null Mitleid mit den Insassen.

Die Mechaniker zogen den Bulliden gespenstisch ruhig aus dem Stall. Drei Mechaniker spannten mich in den zweiten Sitz, den dieses Ding eigentlich nicht hat und ich bekam ein Gefühl von Verbundenheit, als sie meine Atemfrequenz durch das Festzurren des 6-Punkt-Gurtes um die Hälfte drosselten.

„Wenn es zu viel ist, dann greif mir aufs Handgelenk, dann fahren wir rein.“ Ist der ein Netter, der Herr Kox. Dann fahren wir rein… ein Netter. Wir, damit meine ich er mit mir, fuhren ans Ende der Salzburgring-boxengasse. Der Flaggenmann riss die Flagge in die Höhe und der FIA GT1 Reiter Lamborghini fuhr, stotternd, fast unbeholfen mit 30, vielleicht 40 km/h an ihm vorbei.

Dann passierten wir die weiße Linie und auf einmal wurde alles anders. Für einen Sekundenbruchteil wurde es still im Cockpit. Kox stieg ins Eisen und der Murcielago schrie, als würde die Erde untergehen. Es presste mich in den Sitz, der eigentlich nicht da war und ich fragte mich, ob er auch gut mit dem Tier verschraubt war.

Peter riss die Gänge rein, vor der ersten Schikane hatten wir bereits, soweit ich das sehen konnte, die 180 km/h-Marke passiert, vielleicht 300 m nach unserem Start. Er bremste die Mühle an einem Punkt runter, wo ich uns schon im Grünen sah. Mir riss es die Augen nach vorne und ich war froh, dass die netten Jungs mich so mit dem Sitz verschweißt hatten, Kox wär nicht froh gewesen, wenn ich bereits in der ersten Schikane auf seine Seite gewandert wäre. Wir schossen aus der Recht-Links-Kombination raus, als ginge es um Leben und Tod. Porsche Turbo vor uns, Porsche Turbo hinter uns, Lamborghini Murcielago SV (!) vor uns, Lamborghini Murcielago SV hinter uns. Der machte ihn ein wenig nervös, da er für Peters Verhältnisse ein wenig zu langsam an die Seite fuhr. Niederländer, kaum zu glauben, aber die können fluchen.

Runde eins vorbei und der fragte mich mit den Händen, ob alles passt. Natürlich passt alles, immer her damit. Das „immer her damit“ hätte ich mir sparen können, denn anscheinend sind wir vorher mit Standgas gefahren. Auf der langen Geraden schrieen mir 600 PS knapp 290 km/h entgegen, die mir die Luft holten. Nicht die Geschwindigkeit war so beeindruckend, sondern der Weg dorthin. In weit unter zehn Sekunden passiert dieses Erdgeschoss die 200er Marke und lässt nicht locker, bis es die nächste Kurve in Angriff nimmt. Und damit meine ich nicht unbedingt bremsen, er ließ uns beispielsweise um die berühmt berüchtigte Fahrerlagerkurve brettern, als wäre sie eine Gerade, hier hatte ich das erste Mal das Gefühl, als würden auf der Stelle sterben. Wir taten es nicht und Peter Kox zeigte mir eindrucksvoll, warum er trotz seines Alter noch immer zur Spitze des Rennsports gehört.

Eine Stunde später konnte ich mich noch immer nicht konzentrieren, das war zuviel für meinen Kopf. Ich fragte ihn, wie er mit den Querbelastungen umgehe, wie sein Genick damit umgehe. Wir quatschen über die Keramikkupplung, die nicht den geringsten Fehler zulässt. Wir redeten darüber, Rennfahrer zu sein, vorne zu fahren, Risiken einzugehen. Darüber, wie es ist, da draußen. Er hatte viel zu erzählen, hatte viel gesehen. Ein Traumtag, ein kaum zu beschreibendes Erlebnis, danke Reiter.

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