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Tagebuch

von Willy Konecny

01. August 2011

Bewusstseinserweiternd

Man lernt im Leben nie aus. Mitunter findet man Erkenntnisse an unerwarteten Plätzen. Und ich will nun doch im Lotto gewinnen. Bitte.

Obwohl ich mich durchaus als „weltoffen“ bezeichnen würde, muss ich zugeben, dass ich bei ein paar Punkten im Leben engstirnig bin. Das Thema „Auto“ ist für mich ein wichtiges, es gibt aber Fahrzeuge die ich nur peripher wahrnehme. Dies sind aber nicht die vermeintlich schwachen und günstigen. Ich freue mich über einen leistbaren Dacia, verliere aber schnell das Interesse bei Fahrzeugen die Jenseits der 100.000,- Euro liegen. Ich nehme sie wahr und habe auch die Daten im Kopf, aber Teil meiner schlaflosen Nächte sind sie nicht. So erging es mir auch mit dem Mercedes SLS AMG. Ich weiß, dass dieses Auto existiert, ich kenne die Leistungsdaten, und die coolen Flügeltüren sind mir ein Begriff, aber viel weiter ist der SLS nicht in mein Bewusstsein vorgedrungen. 220.000,- Euro sind dann doch zu viel für die bürgerliche Vorstellungskraft.
Als sich nun eines dieser seltenen Exemplare zu uns in die Testgarage verirrte, blieb ich noch unbeeindruckt. „Naja, so schön ist er auch wieder nicht“ - Gedanken dieser Art beruhigten mein Gehirn. Dann stand ich vor dem SLS, war noch immer nicht sonderlich gerührt und redete mir ein das so etwas keiner braucht.
Die ersten Meter rollten wir dahin - man muss sich ja erst aneinander gewöhnen. Schließlich hatte ich Ignorant ein solides Einfamilienhaus bei der Summe im Kopf und der Flügeltürer hatte finanziell unwürdigen Ballast im Bauch. Mit seinem brutalen V8-Herz das aus 6.208 ccm Hubraum 571 PS und 650 Nm entfesselt, fiel es ihm leichter mich zu akzeptieren. Er zeigte mir eine neue Welt, eine Welt in der es unter vier Sekunden aus dem Stand auf Tempo100 geht und in der Geld eine untergeordnete Rolle spielt. Von finanziellen Zwängen befreit, wurden wir schnell Freunde. Wir versuchten uns im Regen mit durchdrehenden Rädern auf schlecht ausgebesserten Strassen zu halten, versuchten den Mitmenschen durch unser beider Geschrei nicht zu viel Angst zu machen. Bei jeder Pause atmeten wir tief durch und genossen das „Flügeltüren gen Himmel stoßen“.
Als mich mein nobler Begleiter Tage später verlassen musste, hatte sich meine Weltanschauung ein Stück weit verändert. Auch von einem elitären „Spielzeug“ kann man also etwas lernen. Einen fahlen Beigeschmack hat die Begegnung jedoch: Obwohl ich mit meinem Leben zufrieden bin, wäre ich einem unverhofften Geldsegen nicht abgeneigt. Am besten so gesegnet, dass sich das Haus, die Garage und der SLS ausgeht.

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